Eine wahre Begebenheit und zwischenzeitlich kein singuläres Erlebnis mehr.

Im Seminar erhielt ich auf die Small-talk-Frage nach Hobbies die spontane Antwort: zocken, also Glücksspielen im Internet. Generation Z nimmt da kein Blatt vor den Mund. Frühere Generationen zockten sicherlich auch, aber die hätten nicht so viel Offenheit gezeigt. Die Antwort kommt im Übrigen zwischenzeitlich immer öfter und seitdem Fußballer sich für Glücksspielwerbung hergeben, muss niemand mehr mit seiner Leidenschaft hinter den Berg halten. – Kann man machen. Bringt aber (meist) nichts.

Der Ulmer Neurobiologe Manfred Spitzer greift in seinem aktuellen Buch „Einsamkeit“ die Vereinsamung vor dem Computerbildschirm auf und spricht auch von Konsequenzen: dem Verlust an Empathiefähigkeit. Konkret weist er auf die sich aufbauenden empathischen und moralischen Defizite hin. So sei „im Jahr 2015 ein 32-jähriger Mann in Taiwan in einem Internetcafé gestorben, nachdem er drei Tage ununterbrochen Computerspiele gespielt hatte. Die Todesursache war Herzversagen, wahrscheinlich lagen akuter Flüssigkeitsmangel und eine bereits bestehende Erkrankung des Herzens vor.“ Aber eben kein Einzelfall, denn relativ zeitgleich war schon „ein 38-jähriger Mann nach fünftägigem Computerspielen tot zusammengebrochen“. Diese Geschichte geht aber noch weiter, wenn die Zeitung dazu schrieb: „‘Nach Polizeiangaben reagierten andere Computerspieler in beiden Fällen völlig gleichgültig. Sie spielten teilweise sogar weiter, als die Spurensicherung für die Beweisaufnahme Tische absperrte.“‘

Zombifikation

Da stirbt also jemand in einem belebten Internetcafé, und an den umliegenden Rechnern wird unverdrossen weitergespielt.“ Willkommen in der Welt der Zombies. Beim Lesen dieser Zeilen im Buch spürt man regelrecht die Empörung und stellenweise auch die Verzweiflung Manfred Spitzers über die fehlende Empathiefähigkeit jüngerer Menschen. Es bricht dann auch aus ihm förmlich heraus, wenn er weiterschreibt:

„Wollen wir in einer Gesellschaft von Menschen leben, die zu wirklichem Mitgefühl, zu moralischem Empfinden und darauf basierendem Handeln nicht mehr fähig sind?“

Spitzer lässt uns mit Antworten auf diese Herausforderungen, die auch jeden Personaler / Entscheider im Unternehmen angehen, denn da sitzen die gleichen Hobby-Zocker, wie in der Anmoderation, nicht allein.

Es lohnt sich dazu das ganze Buch zu lesen. Aber wer schon vorab mal ein paar Lösungsvorschläge hören möchte, dem sei gesagt, die Empfehlungen lauten unter anderem:

  1. Raus in die Natur (bringt eine ganze Menge zusätzlicher Vorteile; siehe Buch)
  2. Rein ins gesellschaftliche Miteinander (alles, was man zusammen macht ist besser als vor dem Handy oder dem Computer zu daddeln)
  3. Kommunikation Face-to-Face
  4. Musik selbst spielen (überhaupt schöpferisch mit den Händen werden)

Und wenn man das ganze Buch gelesen hat, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Spitzer viel Applaus zollen würde, wen der eine oder andere Milliardär mal sein Geld nicht für die nächste noch etwas längere Yacht ausgeben würde, sondern Menschen dabei unterstützt in die Gesellschaft zurückzukommen. Angebote zum Musizieren oder die Wiederentdeckung der Natur wie bei den Pfadfindern wäre ein sehr guter erster Schritt. Für viele junge Menschen ist das alles ja auch zwischenzeitlich ein Kostenfaktor, wenn es die Eltern nicht ermöglichen können.

Und ergänzen möchte ich diese Impressionen noch mit meiner ganz persönlichen Vorstellung von einer glücklichen Jugend. Kinder mit Haustieren sind klar im Vorteil, wenn es darum geht, Empathiefähigkeit zu entwickeln.

Autor: Dr. Karin Schätzlein, Kommunikationstrainerin, Coach, Lehrbeauftragte an der DHBW, zertifizierte AURIS-Persönlichkeitsprofil-Trainerin, 02-2020, www.schaetzlein-seminare.de

Quelle:

Spitzer, Manfred: Einsamkeit, Die unerkannte Krankheit, schmerzhaft ansteckend tödlich, München: Droemer Knaur Verlag, 2018