Was ist besser als Rekonvaleszenz (Erholungsphase nach einer Krankheit)?

Richtig, erst gar nicht krank werden und damit gesund bleiben (in Anlehnung an Aaron Antonovskys Konzept der Salutogenese).

Aber wenn es nur so einfach wäre, werden Sie sagen. Schauen wir mal, was sich dazu sagen lässt. Wenn ich Sie fragen würde, was weh tut, würden Sie gewiss aus dem Stegreif heraus etliche Antworten nennen können. Ohne uns aber in Details zu verlieren, wird’s möglicherweise auf Ihrer Liste der Grausamkeiten ein Begriff fehlen, nämlich: die Wahrheit.

Oh je, jetzt wird’s moralisch bzw. philosophisch höre ich Sie schon sagen. Mal sehen, ob es nicht doch anders kommt. Jeder von uns kennt das Gefühl, dass eine neue Information schon das ein oder andere Mal unsere Sicht auf die Dinge komplett verändert hat.

Am eindrücklichsten hält uns dies der Autor Stephan R. Covey in einer Wahrnehmungsübung vor Augen, die hier unter dem Titel Die Macht eines Paradigmenwechsels mit Garantie auf ein Aha-Erlebnis wiedergegeben wird. Die Geschichte ist im Übrigen wahr und hat sich in der New Yorker U-Bahn abgespielt.

„Die Passagiere saßen still da, manche lasen Zeitung, andere waren in Gedanken versunken, einige hatten die Augen geschlossen und ruhten sich aus. Es war eine ruhige, friedliche Szene.

Dann stieg ein Mann mit seinen Kindern ein. Die Kleinen waren laut und ungestüm, die ganze Stimmung änderte sich abrupt.

Der Mann setzte sich neben mich und machte die Augen zu. Er nahm die Situation offenbar überhaupt nicht wahr. Die Kinder schrien herum, warfen Sachen hin und her, zerrten sogar an den Zeitungen der anderen Fahrgäste. Sie waren sehr störend. Aber der Mann neben mir unternahm nichts.

Es war schwierig, nicht davon irritiert zu sein. Ich konnte nicht fassen, dass er so teilnahmslos war, dass er seine Kinder dermaßen herumtoben ließ und nichts dagegen tat, überhaupt keine Verantwortung übernahm. Es war deutlich, dass sich auch alle anderen in der U-Bahn ärgerten. Mit aus meiner Sicht ungewöhnlicher Geduld und Zurückhaltung sprach ich ihn schließlich an: ‚Ihre Kinder stören wirklich sehr viele Leute hier. Könnten Sie sie nicht vielleicht etwas mehr unter Kontrolle bringen?‘

Der Mann hob die Augen, als ob er sich zum ersten Mal der Situation bewusst würde, und sagte leise: ‚Oh, Sie haben Recht, ich sollte etwas dagegen tun. Wir kommen gerade aus dem Krankenhaus, wo ihre Mutter vor einer Stunde gestorben ist. Ich weiß nicht, was ich denken soll, und die Kinder haben vermutlich auch keine Ahnung, wie sie damit umgehen sollen.‘

Können Sie sich vorstellen, was ich in dem Augenblick empfand?

Mein Paradigma wechselte. Plötzlich sah ich die Dinge anders, und da ich anders sah, dachte, fühlte und verhielt ich mich auch anders. Mein Ärger löste sich auf. Ich brauchte mich nicht darum zu bemühen, meine Einstellung oder mein Verhalten unter Kontrolle zu halten; mein Herz war von dem Schmerz des Mannes erfüllt. Mitgefühl und Sympathie konnten frei fließen. ‚Ihre Frau ist gerade gestorben? Oh, das tut mir so leid. Wollen Sie darüber sprechen? Kann ich irgendwie helfen?‘ Alles veränderte sich in einem kurzen Augenblick.“

Die alte Wahrheit geben wir zu Gunsten einer neuen Wahrheit auf. Das gelingt umso einfacher, je weniger wir in diesen Prozess der geistigen Neuausrichtung das Gesicht verlieren. Wissenschaftler – bei denen heißt die Wahrheit Paradigma und der Veränderungsprozess Paradigmenwechsel – tun sich damit nicht selten besonders schwer. Wissenschaftler neigen dazu – egal ob als Autoren oder Dozenten – ihre Wahrheit in die Welt zu verbreiten und wenn dann eine neue Information dazu kommt, die ihr bisheriges Weltbild infrage stellt, dann postulieren sie nicht etwa die neue Erkenntnis nach dem Adenauer-Motto „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“. Nein, sie verteidigen das Althergebrachte. Und Max Planck erkannte darin ein Schema, das er treffend auf den Punkt brachte: „Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, dass ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern vielmehr dadurch, dass ihre Gegner allmählich aussterben und dass die heranwachsende Generation von vornherein mit der Wahrheit vertraut gemacht ist.“

Eine neue Erkenntnis, die unser bisheriges Weltbild bedroht oder zum Einsturz bringt, empfinden wir bisweilen als Angriff auf unsere Identität und das ist besonders schmerzhaft und irgendwie inakzeptabel. Und warum ist das so? Vermutlich geben uns die vielen kleinen liebgewonnenen Überzeugungen Halt und Orientierung im Leben und – soweit wir uns in Gesellschaft von Gleichgesinnten bewegen – überströmt uns das schöne Erlebnis in guter Gesellschaft zu sein bzw. das wonnige Gefühl von Gemeinschaft zu empfinden.

Falsche Weltbilder (Paradigmen) – das scheint der Weltenlauf zu sein – werden irgendwann herausgefordert. Dann wird es energieaufwendig sie zu verteidigen. Eine opportunistisch, unideologische Haltung ist vermutlich wenig energieaufwendig. Man schwimmt halt mit der Masse und bleibt ansonsten in Deckung. Schwierig wird’s erst, wenn man Positionen einnimmt und Ideologien verteidigt, die umkämpft sind. Dann mag schon mal die Gesundheit darunter leiden, denn es geht an unsere Ressourcen.

Ob wir Ideologien anhängen oder nicht, können wir im Selbsttest ermitteln. Vera F. Birkenbihl nennt diese Ideologien unter Ausschluss von alternativen Denkformen Meme. Meme sind Viren des Geistes; Absolutismen, die sich viral verbreiten und Gegenpositionen als denkunmöglich verstehen. Die eigene Denkweise ist in diesem Augenblick dann immer „alternativlos“. Nach seiner Wortherkunft leitet sich „Meme“ vom griechischen Begriff „Mimema“ ab, was so viel bedeutet wie „etwas Nachgeahmtes“. Eingeführt wurde der Begriff 1976 vom Biologen Richard Dawkins. Mem reimt sich auf Gen und definiert analog zu Genen Einheiten kulturellen Erbes, die via Imitation und Kopie zwischen Menschen übertragen bzw. weitergegeben werden.

Manch einer verdient vielleicht Geld damit Ideologien memetisch zu verbreiten und sein pekuniäres Ressourcenkonto damit zu füllen. Wenn Sie aber zu denjenigen gehören, die Positionen anderer verteidigen und nichts davon haben und schlimmstenfalls dadurch noch Schaden erleiden, dann mindern Sie Ihre finanziellen Ressourcen, vielleicht sogar mit dem Risiko Ihr Immunsystem zu schwächen.

Und, wie Sie Meme erkennen können, bekommen Sie heraus über die Checkliste von Vera F. Birkenbihl:

– Ist mein Glaube bzw. das Gesagte gut, richtig und wahr?

– Ist es tugendhaft dies zu denken?

– Ist das zentrale Thema tabu; darüber zu reden ein Tabubruch?

Darüber spricht man nicht. Wieso? Das ist halt so.

– Können wir es ertragen darüber zu reden, oder stellt es einen totalen Tabubruch dar?

Machen Sie sich bewusst für was Sie einstehen. Haushalten – ein anderes Wort für Ökonomie – Sie mit Ihren Ressourcen und bleiben Sie mir gesund. Die Auflösung von Irrtümern lässt uns die Wahrheit erkennen; und Wahrheit macht frei (Johannes 8, 31.32).

Autor: Norbert W. Schätzlein, 2020

Sich selbst besser kennenlernen ist das Thema des multiperspektivischen AURIS®-Persönlichkeitsprofils, www.siris-systeme.de. Wenn Sie es kennen, werden Sie es schätzen als unverzichtbaren Baustein im Recruiting, in der Personalentwicklung und in der persönlichen Selbstreflexion.

Quellen:

Covey, Stephan R.: Die 7 Wege zur Effektivität, Prinzipien für persönlichen und beruflichen Erfolg, Offenbach: Gabal Verlag GmbH, 2005

Planck, Max: Wissenschaftliche Selbstbiographie, Johann Ambrosius Barth Verlag, Leipzig, 1948, S.22