Die These: Fachkräftemangel ist ein Megaproblem, das den Wirtschaftsstandort Deutschland in seinen Grundfesten gefährdet.

So, oder doch so ähnlich wird in allen Qualitätsmedien argumentiert.

Und auch die Pressemitteilungen der Unternehmen spiegeln ein Szenario wieder, das mehr Fachkräfte anmahnt. Fachkräfte in diesem Sinne sind nahezu ausschließlich jene, die produzierend in der Güterfertigung gesucht werden.

Kaufleute produzieren zwar nach Papier- und etwas moderner gesprochen Speicherplatzverbrauch auch etwas, aber hier sind kaum Engpässe zu verzeichnen.

Also nochmal, woran mangelt es wirklich?

Wir brauchen händeringend Handwerker vom Bauarbeiter bis zum Zimmermann. Und, wir brauchen jene klugen Köpfe im MINT-Sektor, also vom Elektroingenieur, über den Mechatroniker bis zum Programmierer, etc.

Glücklich, wer an Spezialisten herankommt und sie zu rekrutieren und zu halten weiß.

Fazit: Zweifelsfrei haben wir einen ausgeprägten Fachkräftemangel.

Nach guter alter hegelscher Dialektik sollten wir unseren Blick auf die Dinge schärfen und objektivieren. Dazu dient das Mittel der Antithese, die ich wie folgt formulieren möchte:

Es gibt keinen Fachkräftemangel.

Das klingt paradox und herausfordernd.

Mag sein, dass sich der Leser wohler fühlen würde, wenn die These um ein „vorausgesetzt“, „wenn“ etc. verlängert worden wäre. Da es um grundlegende Zusammenhänge geht, wollen wir in unserem gedanklichen Disput darauf verzichten.

Was also spräche dafür, dass es keinen Fachkräftemangel gibt.

All jene unter den Lesern, die bereits die Arbeitswelt der 80er Jahre mit dem Aufkommen der 386er und später 486er PC’s erfahren haben, werden bestätigen können, dass sich die Produktivität der letzten 30 Jahren mindestens verdoppelt, aber doch eher verdreifacht hat.

Wir alle erledigen heute komplexe Vorgänge in Dienstleistung und Handel sowie Produktion im digitalen Zeitalter in kürzester Zeit, hoch effizient.

Ob wir dabei auch effektiv sind, also die richtigen Dinge tun, möchte ich noch zur Diskussion stellen und komme später darauf zurück.

Wenn wir also die Dinge mit Faktor 3 in der Geschwindigkeit abarbeiten, dann müsste entweder jeder von uns zwei andere Funktionsträger durch sein Tun ersetzen oder aber weniger arbeiten, nämlich nur noch z.B. 3 Tage die Woche.

Wir arbeiten – also die, die arbeiten – aber alle mindestens so lange und intensiv wie in den 80igern. Viele können nur mit mehreren Jobs über die Runden kommen. Da kann doch etwas nicht richtig sein, oder?

Schauen wir also näher hin, was wir tun und dann sind wir auch schon bei der Effektivitätsfrage.

Gibt es so etwas wie unnötige Arbeit?

Ich meine ja, die gibt’s tatsächlich und mehr als anno dazumal. Wenn Ihr Unternehmen exportiert, kennen Sie sie die Unzahl an Formularen, die es auszufüllen gibt und Vorschriften, die es zu beachten gilt (Freiverkehrs-, Ursprungs- und Präferenzdokumente; Zollvordrucke; Carnet; Vordrucke für Umsatzsteuerzwecke; Sonderfrachtbriefe). Damit Sie da mitmischen können, belegen Sie erstmal Kurse, Seminare und was es noch gibt, um auf dem Laufenden zu bleiben. Doch nicht genug damit; Sie müssen auch darüber hinaus Statistiken bedienen und wehe sie geben etwas irrtümlich falsch an. Sie können gar nicht so schnell schauen, wie Sie schnurstracks zum Staatsfeind Nr. 1 reüssieren.

Für das alles gibt es einen Namen: Bürokratie

Was haben Bürokratie und die Digitalisierung gemeinsam? Ganz einfach, die Optionen der Überwachung nehmen zu. Kontrolle ist ein exponentiell wachsender Markt.

Bürokratie ist eine Erfindung des Misstrauens und der Einhegung eines ungezähmten Egos, das droht sich zu verselbständigen (Verhinderung von Willkür).

Es mag erneut paradox klingen, aber Freiheit braucht den Rahmen der Begrenzung. Freiheit ist nicht automatisch das Gegenteil von Einschränkung. Vielmehr braucht es sinnvoll dosiert immer beides und in Balance, denn Grenzen geben Sicherheit und ermöglichen erst persönliche Autonomie.

Nur werden in unseren Zeiten die Freiheiten immer kleiner und die Bürokratie wird zum Krebsgeschwür mit Compliance-Themen, DSGVO, Zertifizierung usw.

Und, was hat uns das alles gebracht?

Hat unsere Umwelt davon profitiert, ist die Qualität der Bildung besser geworden, hat das gesellschaftliche Miteinander profitiert oder hat sich ein positives Bruttoinlandsglück eingestellt?

Man könnte endlos weitermachen mit einer Aufzählung, die immer nur eines zum Tenor hat: wir werden immer schneller in einem Hamsterrad, dessen Sinnhaftigkeit schwindet.

Dies umso mehr, als wir uns einen Frevel an den Ressourcen von Mutter Erde erlauben, der so skandalös ist, dass er in den Qualitätsmedien kaum Beachtung findet: Obsoleszenz, also die von der Produktkonstruktion vorgegebene, geplante Alterung bzw. das technisch vorgegebene Ende im Lebenszyklus.

Wir erzeugen Büro-Drucker, die viel zu früh und geplant ihren Geist aufgeben. Warum nur, können die Dinge nicht länger halten? Gewollt ist, dass wir nach einer bestimmten Anzahl an Drucken ein neues Gerät anschaffen müssen. Wenn Sie sich fragen, ob das eine Verschwörungstheorie gegen den Konsumenten ist, dann lautet die Antwort mit Fug und Recht JA. Evidenz über die Verschwörungspraxis finden Sie mit Blick auf die Absprachen der Glühlampenhersteller aus dem Jahre 1925 (Phoebuskartell) mit der Festlegung der Lebensdauer von Glühlampen auf 1.000 Stunden. Dass es auch länger hätte gehen können, zeigt eine hundertjährige Glühlampe (Centennial Light bzw. hundertjähriges Licht), die in der Feuerwache der Stadt Livermore (nahe San Francisco, Kalifornien) hängt und immer noch funktioniert.

Die Logik hinter geplanter Obsoleszenz dient dem Wachstum und der Steigerung des Bruttosozialprodukts. Der Verbrauch von Verbrauchern erzeugt Umsatz bei den Herstellern jener Drucker oder Glühlampen. Mehr abgesetzte Drucker/Glühlampen/etc. poliert die Bilanzen auf, usw. usw.

In nahezu jedem Produkt ist heute eine „Sollbruchstelle“ eingebaut, die den Ersatzkauf für die Hersteller sicherstellt.

Wir verschwenden Ressourcen ohne Ende, bereiten den Müll kaum auf, recyceln zu wenig und entsorgen am Ende einer intransparenten Prozesskette den Elektroschrott in Afrika. Bravo! Aber bitte doch nicht weiter so!

Natürlich bindet diese Form des Wirtschaftens ein Heer von gut ausgebildeten Fachkräften, die konstruieren und produzieren für die Mülltonne/-kippe.

Lassen Sie uns nochmals auf die Bürokratie zurückkommen.

Sind Bürokraten glückliche Menschen?

Finden sie Gefallen daran anderen zu sagen, wie, was nach DIN, Gesetz und Verordnung zu erledigten sei und welche Konsequenzen es mit sich bringt bei Regelverstoß.

Ja, es gibt sie, die Sadisten, die gerne andere quälen aus der anonymen Deckung heraus und ohne die persönliche Verantwortung (seine Haut nicht riskiert, wer so seine Korrespondenz schließt: „Dieses Schreiben wurde maschinell erstellt und ist ohne Unterschrift gültig”).

Und wohin die Auswüchse eines verinnerlichten bürokratischen Kontroll-Ordnungs-Bewusstseins führen kann, haben wir in den 12 Jahren unserer dunklen Vergangenheit im 20. Jahrhundert gesehen, wenn es rechtfertigend hieß: „ich habe ja nur so gehandelt, wie man es mir gesagt hat“.

Bürokratie steht immer unter dem Rechtfertigungszwang vor der demokratischen Zivilgesellschaft und unter Generalverdacht der Entmenschlichung eines friedvollen Zusammenlebens; die Objekte der Bürokratie sind (zumeist) individuelle, beseelte Subjekte. Mit Blick auf die Vergünstigungen eines Bürokratendaseins und einer sorgenfreien bis in die gesicherte Rente durchgeplanten Subsistenz, kann ein Bürokratendasein schon auch ein Traumjob sein.

Die echten Probleme werden vernachlässigt

Kennen Sie das: Sie bekommen Mails von IP-Adressen, die Sie nicht zurückverfolgen können, die Sie nicht abbestellen können und die schlimmstenfalls, einmal versehentlich geöffnet, Ihren Rechner mit einem Virus ruinieren.

Dagegen hilft – so Leid es mir tut – keine DSGVO, für deren Umsetzung aber ganze Wälder von Papier daran glauben mussten.

Was nützt uns eine DSGVO, wenn Sie und ich nicht geschützt werden vor all jenen bösen Buben, die wirklich kriminell sind und für die es früher ein bewährtes Bestrafungsinstrument gab für verlorene Ehre: den Pranger!

Bei den echten Problemen der digitalen Welt, zuckt die Bürokratie mit den Schultern. Für was brauchen wir sie dann?

Denken wir immer daran Bürokraten sind meist – nach Schulbildungskriterien – sehr intelligente Personen, die aber andere, nämlich echte Produktivkräfte, von der wertschöpfenden Arbeit abhalten.

Fassen wir unsere Antithese zusammen:

  1. Wir tun Dinge, die unnötig sind und keinen echten Mehrwert bringen (Bsp. Fahrtenbuch führen).
  2. Wir entwickeln und produzieren Dinge, die vor ihrer natürlichen, d.h. technisch möglichen Haltbarkeitsdauer zusammenbrechen.
  3. Wir beschäftigen hoch intelligente Menschen in Jobs die andere wiederum davon abhalten ihrer wertschöpfenden Arbeit nachzugehen.

Alles in allem leisten wir uns den Luxus einer Fehlallokation von Ressourcen, hier speziell von Manpower in der Bürokratie.

Also jene dringend gesuchten Fachkräfte sind alle schon da, nur sie beschäftigen sich zum Teil mit dem Falschen oder werden für Funktionen angeheuert, wo sie Papier verschmutzen und nicht produktiv sind.

Wenn wir jetzt versuchen aus dem vorstehend gehörten zu einer Synthese zu kommen, haben wir alles falsch gemacht. In unserer Gesellschaft giften wir uns nicht wenig an und erkennen nicht, dass wir von verschiedenen Ebenen aus argumentieren.

Sapere aude – benutze Deinen Verstand (Wahlspruch der Aufklärung)

These und Antithese kommen so einfach nicht in einer Synthese zusammen, zumal die Augenhöhe nicht passt. Ungleiche Partner argumentieren von verschiedenen Ebenen aus.

Die These argumentiert aus der Perspektive der Betriebswirtschaft (Mikroebene) und hat dabei absolut Recht.

Ja, es ist wahr, dass Metzger XY keine Fachkräfte bekommt, die er aber dringend braucht, um seinen Betrieb aufrecht zu erhalten und fortzuführen. Die Antithese – jetzt wird’s tragisch – argumentiert auf einer völlig anderen Ebene, nämlich der volkswirtschaftlichen Metaebene zur Fehlallokation (Makroebene) und hat auf diesem Niveau ebenfalls Recht.

Wenn beide richtig liegen (sollten), wird trefflich aneinander vorbeigeredet und nichts Fruchtbares passiert. Wie also bekommen wir die unterschiedlichen Niveaus synchronisiert?

Die Antwort mag Sie verblüffen, aber wir müssen die Frage nach dem Gesellschaftsmodell stellen.

Vertrag kommt von vertragen – wie wollen wir zusammenleben?

Wenn Sie einen Mantel ganz oben falsch zuknöpfen, müssen Sie sich nicht wundern, wenn’s weiter unten nicht aufgeht. Fehler setzen sich nun mal fort und je intransparenter Ursache und Wirkung, desto komplexer das System. Es ist einfach lächerlich sich auf den unteren Ebenen an die Gurgel zu gehen, wenn die Spielregeln oben falsch sind.

Beobachten Sie Kinder, wenn sie miteinander zu spielen beginnen. Bevor sie anfangen, verwenden sie viel Zeit auf die Setzung der Spielregeln. Wo sie dies nicht tun, kracht’s und zwar auch durchaus handfest.

Wer Monopoly spielt muss wissen, dass man das Spiel beenden muss, wenn einer alles an sich zieht mit zunehmenden, systembedingten Automatismus. Das ist soweit o.k., wenn die Spielregeln ebenso sind. Doch da, wo Spielregeln unsere Existenz betreffen, müssen wir ganz genau hinsehen.

Ergo: Ja, es gibt Fachkräftemangel und ja, es gibt ihn auch nicht, wenn wir – das ist die Prämisse – die Spielregeln ändern. Von Menschen gesetzte Übereinkünfte können von Menschen auch wieder konform zum eigentlichen Bedarf angepasst werden; und dabei muss keiner leiden. Kinder sind uns Erwachsenen einen Schritt voraus: wenn ihnen die Spielregeln keine Freude mehr bereiten, werden sie geändert.

Fachkräftemangel kann gelöst werden und zwar aus unseren eigenen Ressourcen heraus.

Und wieder einmal hat Richard Feynman (1918 – 1988, Physik-Nobelpreisträger) Recht, wenn er meint: es ist so einfach, vorausgesetzt man durchdringt die Dinge in ihrer Tiefe, d.h. in ihrer Komplexität.

Autor: Norbert W. Schätzlein, 10-2018 www.antaris.biz